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Dieses Thema hat 1 Antworten
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 Gedichte und Geschichten
Wölfin Offline

Kräuterkundige


Beiträge: 74

23.03.2005 11:39
„Mein wunderbarer Glaube“ Antworten

„Mein wunderbarer Glaube“
(eine Geschichte)

In einer der letzten Volksschulklassen, wo es sich entscheidet, in welche höhere Schule die Schüler und Schülerinnen sich einschreiben, gab die Religionslehrerin eine ganz besondere Hausaufgabe auf.
Ihre Schützlinge sollen über ihren Glauben schreiben und was mit den Menschen passiert, wenn sie sterben, - und vor allem, was die Schüler und Schülerinnen selbst glauben, was nach dem Tod passiert.

Dazu sei gesagt, dass die Religionslehrerin allen Schülern und Schülerinnen diese Hausaufgabe nahe legte, - nicht nur ihren Schützlingen des römisch katholischen Christentums, denn in dieser der vier letzten Volksschulklassen gab es auch Buddhisten, Moslems und Hindus.

Es war eine freiwillige Hausaufgabe, die natürlich nicht bewertet werden sollte. Die Religionslehrerin war nur neugierig, ob die Kinder überhaupt einen Glauben haben und zu Hause spirituell eingeweiht werden. Sie stellte den Schülern und Schülerinnen frei, Rat von ihren Eltern einzuholen, um so vielleicht den Glauben zu verstärken, oder falls es zu Hause keine spirituelle Erziehung gibt, sich wenigstens einmal damit auseinander zu setzen. Sie ließ ihnen eine Woche Zeit für diese Hausaufgabe.

Am Tag der Ablieferung der Hausaufgaben sammelte die Religionslehrerin alle Hefte ein und war überrascht, dass doch 70% der Schüler und Schülerinnen freiwillige Hausaufgaben gemacht haben.
Zu Hause las sie voller Spannung die Aufsätze. Da sie sie nicht bewerten wollte, sah sie sehr tolerant über manche Rechtschreibfehler hinweg, obwohl ihr manche in den Augen schmerzten.

Die ersten Aufsätze waren genauso, wie sie die Religionslehrerin erwartet hatte. Sie spürte genau, dass hier die Eltern dabei waren und ihren Kindern einige Tipps gaben. Andere wieder lasen sich wie die Bücher im Religionsunterricht, in denen vom „Jüngsten Tag“ die Rede war.
Bei Hassans Aufsatz musste die Religionslehrerin lächeln. Er schrieb doch wirklich davon, dass er einst ins Paradies kommen wird und ihn wunderschöne Huris – das sind die Paradiesmädchen – bis ins die Ewigkeit verwöhnen werden. Sie dachte noch während des Lesens daran, ihn zu fragen, ob er seinen Aufsatz alleine geschrieben hat, oder ihm sein Vater diesen Tipp gab.

Als sie die Hälfte der Aufsätze durchgelesen hatte, die sie eher langweilten, machte sie eine Pause und ging in ihren kleinen Garten hinaus, wo sie sich auf die Bank setzte, die unter einer Linde stand.
Irgendwie war sie enttäuscht von den Aufsätzen, weil nichts Eigenes dabei war und sie fühlte, dass sich die Kinder kaum mehr Gedanken um das Spirituelle machen. Viel wichtiger war ihnen die neueste Mode, die neuesten Songs in den Charts und bei manchen auch schon das andere Geschlecht, wie sie bereits bei Hassans Aufsatz herauslesen konnte.
Ihre Schüler und Schülerinnen waren erst 11 oder 12 Jahre alt, aber heutzutage war dieses Alter so einzuschätzen, als sie, die Religionslehrerin, 15 oder 16 war. Die Kinder waren heute in ihrer körperlichen Entwicklung viel weiter als damals, als sie in diesem Alter war. Aber was war mit ihrer geistigen Entwicklung?
Die Religionslehrerin war eine Religionslehrerin, die nicht auf einen bestimmten Glauben bestand, obwohl sie zum Großteil römisch-katholisches Christentum unterrichtete, aber auch zu anderen Religionen trug sie einen Teil bei und versuchte ihren Schülern und Schülerinnen Toleranz zu lehren.
Sie stieß sich nicht daran, wenn Fatima mit einem Kopftuch erschien, so wie andere Lehrer und Lehrerinnen, die das unterbinden wollen und es sogar gesetzlich verbieten würden. Manche Kinder trugen ein Kreuz um ihren Hals. Das müsste dann doch genauso verboten werden.

Die Religionslehrerin lächelte, als sie daran dachte, was sie geschrieben hätte, wenn man ihr diese Aufgabe gegeben hätte. Sie dachte oft an den Tod und an das Nachher, - ob es überhaupt so etwas wie ein Leben nach dem Tod gibt oder ob das nur ein Wunschgedanke der Menschen ist, weil sie Angst vor dem Tod haben, - Angst, nicht mehr zu existieren, nie mehr zu sein.
Sie selbst war sich unschlüssig und dachte, dass man so etwas nicht wirklich wissen kann. Immerhin kam noch kein wirklich Toter aus dem Totenreich zurück, um den Menschen zu sagen, wie es da „drüben“ ist. Es gibt zwar Bücher, in denen über Nahtoderlebnisse berichtet wird und noch dazu berichten viele Menschen über sehr ähnliche Erlebnisse, - Menschen, die sich nicht kannten und die nie Kontakt miteinander hatten. Aber sagt das wirklich etwas aus? Könnte das nicht die allerletzte Funktion des Gehirns sein, so wie das letzte Zucken der Nerven?
Die Religionslehrerin seufzte, stand auf und ging wieder zurück ins Haus, - zu ihrem Schreibtisch, auf dem noch die andere Hälfe der Aufsätze zu lesen lag.

Bald hatte sie nur noch drei nicht gelesene Aufsätze vor sich liegen. Sie blickte auf das Etikett. Es war Lieschens Aufsatz. Schon als sie das Heft in ihre Hände nahm, spürte sie eine seltsame Regung.
Lieschen lebt im Waisenhaus. Von ihr wusste die Religionslehrerin, dass sie keine Hilfe zu erwarten hatte. Lieschen lernte immer alleine und machte auch ihre Hausaufgaben immer alleine. Lieschen ist eine gute Schülerin und könnte, wenn man es ihr gestattet, in eine gute höhere Schule gehen. Es war nur eine Frage des Geldes, denn noch immer wurden Waisen und ärmere Kinder nur wenig gefördert. Und das in einem Land, wo der Fortschritt an der Spitze stand.

Schon die Überschrift in Lieschens Religionsheft erstaunte die Religionslehrerin.
Da stand: „Mein wunderbarer Glaube“. Über den meisten Aufsätzen stand keine Überschrift, und bei wenigen anderen bloß: „Was nach dem Tod passiert“.
Die Religionslehrerin hatte gar keinen bestimmten Titel erwähnt. Sie sagte nur, dass sich die Schüler und Schülerinnen ein bisschen mit ihrem Glauben auseinandersetzen sollen, und darüber nachdenken sollen, was nach dem Tod mit ihnen passiert, - ob es so etwas wie einen Gott, ein höheres Wesen oder irgendetwas anderes gibt, was sie erwartet. Sie legte sich also nicht direkt fest. Deshalb bezog sie ja auch die andersgläubigen Kinder mit ein.
Und Lieschen schrieb mit ihrer schönen, runden Schrift: „Mein wunderbarer Glaube“.
Die Religionslehrerin verweilte einige Minuten nur bei diesen drei Worten und fühlte eine wohlige Wärme in sich aufsteigen. Das sagt doch schon sehr viel aus, - dachte sie sich und las nun doch sehr neugierig weiter:

„Als ich vier Jahre alt war, starben meine Eltern bei einem Verkehrsunfall. Es passierte in der Nacht, als ich schlief. Aber ich wachte auf. Es muss der Moment gewesen sein, als sie für immer aus dieser Welt gingen. In meinem Zimmer war es dunkel. Es drang kein Straßenlicht durchs Fenster, da die Jalousien heruntergelassen waren. Aber nach einer Weile, nach dem Aufwachen, war da plötzlich ein Licht. Es war wie eine helle Blase. Und in dieser hellen, leuchtenden Blase sah ich die Gesichter meiner Eltern. Sie winkten mir zu und sagten: „Wir gehen voraus und sehen uns später drüben.“
Ich weiß es genau, dass sie das sagten. Und ich weiß auch, dass ich sie gesehen habe, obwohl mir das niemand glaubte, als sie zu mir kamen und sagten, dass meine Eltern nun im Himmel sind.
Ich sagte: „Ich weiß es. Ich habe sie letzte Nacht gesehen und sie sagten mir, dass sie voraus gehen.“
Aber niemand glaubte mir.

Genauso war es bei meiner Katze, die ich zu meiner Tante mitnehmen durfte. Meine Tante war die noch einzig lebende Verwandte, die ich hatte. Sie war die ältere Schwester meiner Mutter.
Nun, als meine Katze von einem Auto überfahren wurde, wachte ich auch in der Nacht auf, als es passierte. Ich sah sie ebenso in einer hellen, leuchtenden Blase. Das war übrigens ein Jahr später, als ich 5 Jahre alt war. Meine Katze winkte mir zwar nicht zu, aber sie sah mich an. Nach diesem innigen Blick von ihr drehte sie sich um und ging, bis sie in der Blase immer kleiner wurde. Dann zerplatzte die Blase. Ich glaube, es war gar keine Blase, - auch bei meinen Eltern nicht. Es war viel mehr wie ein Durchgang, - wie eine Öffnung in eine andere Welt, die neben unserer existiert.

Ein weiteres Jahr später starb meine Tante. Sie war bereits in einem Krankenhaus und mich hatten sie damals schon ins Waisenhaus gebracht. Ich durfte meine Tante jeden Tag besuchen, aber nie lange bleiben, weil sie zu schwach für längere Besuche war.
Meine Tante starb am Tag. Ich war gerade im Aufenthaltsraum mit anderen Kindern und spielte irgendein Brettspiel. Es war gerade der Moment, als ich zum Würfeln dran war. Obwohl es taghell war, sah ich die hell leuchtende Blase vor mir und war wie erstarrt. Die anderen Kinder stießen mich an und forderten mich auf, endlich zu würfeln, damit das Spiel weitergehen kann. Aber ich sah meine Tante in der Blase, wie sie mir zuwinkte und fast dasselbe sagte wie damals meine Eltern.

An all das erinnere ich mich sehr gut. Und ich höre manchmal die Erwachsenen über alte Menschen und kranke Menschen reden. Auch über den Tod reden sie, als ob das etwas Schreckliches wäre.
Aber ich habe keine Angst vor dem Tod, weil ich weiß, dass alle Menschen, die ich liebe, nur vorausgegangen sind. Sie sind in eine andere Welt gegangen, die gleich neben unserer existiert. Und auch neben dieser anderen Welt existiert eine Welt. Das geht immer so weiter, bis wir alle wieder in dieser Welt hier landen. Ein ewiger Kreislauf, der niemals endet, weil wir alle nun mal hier sind.

Als ich geboren wurde, hatte ich ein bisschen Zeit zum Ausrasten. Vorher war ich nur eine kleine Zelle, die sich in eine andere Zelle verliebte. Eigentlich war ich zwei Zellen. Eine stammte von meinem Vater und die andere von meiner Mutter. Aber das war ich. Ich, die aus einer anderen Welt, einem anderen Universum, dem Nachbaruniversum kam. Vorher habe ich meinen Liebsten zugewinkt und ihnen gesagt, dass ich nur voraus gehe und dort auf sie warte.
Wahrscheinlich werden diese Liebsten, denen ich damals zugewinkt habe, im nächsten Universum meine Eltern. Sie können auch meine Geschwister werden, oder auch meine eigenen Kinder und vielleicht auch nur gute Freunde.
Aber ich glaube, alle Menschen, die wir in diesem Leben lieb gewinnen, die uns nahe sind, treffen wir immer wieder. Manchmal stoßen vielleicht Neue dazu und wir werden eine immer größere Familie. Eine Familie, die nicht nur Vater, Mutter, Kinder und andere Verwandte sind, sondern auch Freunde. Eine Familie, die immer größer wird, je öfter wir den Kreislauf durchwandern. Und das so lange, bis alle Menschen Brüder und Schwestern sind und es nie mehr wieder Kriege und Abschiede gibt.
Irgendwann werden dann alle wissen, dass es so etwas wie einen endgültigen Abschied gar nicht gibt, sondern wie uns immer wieder treffen, um aus allen Universen, die es gibt, Paradiese zu machen.

Ich glaube, die anderen Lebewesen auf der Erde und vielleicht im ganzen Universum wissen das bereits. Vor allem die Tiere auf der Erde wissen es, die uns ja auch immer wieder begegnen und bei uns sind. Ich weiß, dass meine Katze auf mich in der nächsten Welt wartet. Ich weiß zwar nicht, ob sie dann noch eine Katze ist. Es wäre auch möglich, dass sie ein Mensch werden könnte.
Es heißt ja, dass sich alles immer weiter entwickelt. Aber das wäre mir auch egal. Ich wäre auch gerne eine Katze oder ein Hund. Ja, ein Hund, wie ihn damals die Nachbarn meiner Tante hatten. Er hat meine Katze immer geärgert und sie gejagt. Aber ich weiß, dass er ihr nichts getan hätte. Jedes Mal, wenn sie auf einen Baum kletterte, stand er darunter, bellte und wedelte mit seinem Schwanz, als ob er nur mit ihr spielen wollte. Aber meine Katze wollte mit ihm nicht spielen. Irgendwie dürfte sie auf ihn böse gewesen sein. Vielleicht hat er sie in der letzten Welt einmal furchtbar beleidigt? Na ja, irgendwann werden sie sich schon wieder verstehen, - in irgendeiner anderen Welt, wo auch wir uns alle gut verstehen werden und es keine Kriege und keinen Streit mehr geben wird.“

Da war keine Rede von einem Gott im Himmel, nichts von einem Paradies oder dem Nirwana. Aber da war so etwas wie Wiedergeburt, jedoch ganz anders als im Glauben der Hindus. Es war etwas Eigenes, entstanden aus eigenen Visionen, denen niemand Glauben schenken wollte. Und doch war der Glaube des Lieschens keineswegs erschüttert.
Die Religionslehrerin war bewegt – bis ins Innerste bewegt. Sie lehnte sich im Sessel zurück, seufzte und wünschte sich, auch so einen tiefen Glauben zu haben.
Das, was sie eben gelesen hatte, las sich wirklich glaubhaft – ohne jeden Zweifel, egal, was andere dazu sagen. Und es war auch nicht wie von einem Kind geschrieben. Es war zwar ein kindlicher Schreibstil, aber die Gedanken waren alles andere als kindlich. Oder vielleicht doch kindlich, - von kindlicher Urweisheit?
Aber genau darauf hatte die Religionslehrerin gewartet, ohne sich so etwas erwartet zu haben. Dieser Aufsatz ging weit über ihre Erwartungen hinaus. Er war für sie wie eine Stütze, wie ein letzter Funken Hoffnung, - die Hoffnung auf ein zukünftiges Paradies, - genauso wie es Lieschen schrieb.

Die letzten beiden Aufsätze las die Religionslehrerin nur mehr flüchtig durch. Sie waren ja nur eine ähnliche Wiedergabe der anderen…

"Denn die Kunst eines Kriegers ist es, den Schrecken ein Mensch zu sein und das Wunder ein Mensch zu sein, in Gleichgewicht zu halten."
(Don Juan)

Sabin die Waldfee Offline

Wesen des Waldes

Beiträge: 2.601

23.03.2005 12:04
#2 RE:„Mein wunderbarer Glaube“ Antworten


Träne wegwisch und Danke sag für diese Geschichte
LG Sabin
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Lebe mit der Natur im Einklang Du wirst hören was dir die Naturgeister erzählen und sie im Sonnenlicht tanzen sehen. Ein wunderbares Gefühl wird in Dir wach.
Sabin die Waldfee

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